WARUM VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN NICHT IMMER FÜHRUNG IST
- Andrea Pfäffli

- 9. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Mein hoher Anspruch führte mich als frische Führungsperson in eine Sackgasse. Der Betrieb sollte laufen, die Qualität stimmen. Also griff ich ein, sobald ich Risiken oder Engstellen sah. Und schwupps war es passiert: Die Verantwortung wanderte zu mir, weil ich sie mir holte. Erst später wurde mir klar, dass ich damit nicht nur entlaste, sondern auch Muster stabilisiere. Gegensteuer geben hiess, an Strukturen, Prozessen und Kultur zu arbeiten und zu akzeptieren, wie langsam Veränderung greift. Dieser Weg zeigte mir, an welchen Stellschrauben Führung tatsächlich ansetzen kann. Heute erkenne ich, wie viele Führungskräfte genau wie ich damals aus dieser Dynamik herausfinden wollen.

Illustration erstellt mit künstlicher Intelligenz (ChatGPT)
Ich bin Teil des Systems
Das war eine der wichtigsten Erkenntnisse aus meiner eigenen Führungserfahrung. Mein Verhalten prägt das System, in dem ich wirke. Das hiess in meinem konkreten Fall: Wenn ich übernehme, verschieben sich Erwartungen. Wenn ich korrigiere, verkürzen sich Lernräume. Wenn ich immer verfügbar bin, entsteht Abhängigkeit.
Das ist keine Schuldfrage. Es ist eine Dynamik. Viele Führungspersonen sind schnell im Denken und stark im Antizipieren. Genau diese Kompetenzen bringen sie in ihre Rolle. Gleichzeitig entstehen daraus implizite Standards, die andere erst entwickeln müssen.
Diese Zusammenhänge bewusst zu reflektieren hilft, Handlungsspielräume zu erkennen und den eigenen Einfluss auf Entwicklungen besser zu verstehen, sodass Führung nicht nur reaktiv bleibt, sondern gestaltend wirken kann.
Selbstverantwortung im Team stärken
Wie bringe ich Mitarbeitende dazu, mehr Verantwortung zu übernehmen? An den seltenen klaren Tagen meines Führungsalltags — wenn ich nicht nur reagierte, sondern bewusst führte — war das die Frage, die mich weiterbrachte. Und die ehrliche Antwort darauf war für mich nicht einfach: Verantwortung entsteht dann, wenn ich mich im Alltag bewusst zurücknehme und Raum gebe, ohne meine Mitarbeitenden im Stich zu lassen.
Ein möglicher Ausgangspunkt liegt in der eigenen Führungsarbeit. Sie beginnt mit Reflexion. Wo übernehme ich reflexartig? Wo könnte ich begleiten statt lösen? Darauf aufbauend lohnt sich der Dialog im Team. Denn Verantwortung wächst dort, wo Erwartungen klar sind und Unsicherheiten besprechbar bleiben.
Ebenso entscheidend ist der Blick auf Strukturen. Unklare Abläufe, fehlende Prioritäten oder gewachsene Routinen erschweren Selbstständigkeit. Werden Prozesse sichtbar und nachvollziehbar, verändert sich Verhalten oft leichter. Gerade hier zeigte sich für mich, wie stark Führung über Rahmenbedingungen wirkt und nicht nur über direkte Intervention.
Zwischen Geduld und Realität navigieren
Veränderung braucht Zeit. Das gilt besonders für Kultur und Verantwortungsübernahme. Ich kenne die Ungeduld, wenn Fortschritte langsamer sind als erhofft – oder aus betrieblicher Sicht auch nötig. Und ich kenne den Impuls, wieder einzugreifen.
Was mir geholfen hat, war eine einfache Frage: Handle ich gerade für den Moment oder für nachhaltige Entwicklung? Nicht jede Situation erlaubt langfristige Entscheidungen. Aber bewusst abzuwägen verändert die Führungspraxis und stärkt die Klarheit im eigenen Handeln.
Führung als Gestaltung von Bedingungen
Heute verstehe ich Führung weniger als Steuerung einzelner Menschen. Meiner Ansicht nach geht es viel mehr um die Gestaltung von Beziehungen, Strukturen und Lernräumen. In meiner Arbeit begleite ich Führungskräfte dabei, genau dort anzusetzen. Wir reflektieren Muster, prüfen Prozesse und entwickeln konkrete nächste Schritte. Praktisch umsetzbar und passend zum jeweiligen Kontext.
Entlastung entsteht selten dadurch, dass Führungskräfte mehr leisten. Sie entsteht, wenn Verantwortung tragfähig verteilt werden kann. Genau darin liegt eine der anspruchsvollsten und zugleich wirksamsten Aufgaben von Führung.




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