WAS BLEIBT, WENN EIN BETEILIGUNGSPROZESS VORBEI IST?
Ein neues Leitbild, zum Beispiel. Im Fall von Küttigen eines, das der Gemeinde für die nächsten 10 bis 15 Jahre Orientierung geben soll. Und nach fast einem Jahr «Küttigen2040» ist noch einiges mehr geblieben. Rund 300 Menschen beteiligten sich am Prozess. Schülerinnen und Schüler, junge Erwachsene, Eltern, Seniorinnen und Senioren, Menschen aus Vereinen, Gewerbe, Kommissionen und Parteien. Menschen, die ohnehin nahe an der Gemeindepolitik sind. Und solche, die sich vorher kaum politisch engagiert hatten. Gerade Letzteres gehört für mich zu den wertvollsten Erfahrungen aus diesem Projekt.

Illustration erstellt mit künstlicher Intelligenz (ChatGPT); Mehr über das Netzwerk Mit:Wirkung unter www.netzerk-mitwirkung.ch
Partizipation heisst nicht einfach «alle dürfen kommen und mitbestimmen»
Wenn Gemeinden Beteiligung ermöglichen wollen, liegt ein öffentlicher Anlass nahe. Man lädt ein, informiert im Gemeindeblatt, öffnet die Türen – und wer interessiert ist, kommt. Das ist wichtig. Aber es reicht bedingt. Denn damit erreichen wir vor allem jene Menschen, die Zeit haben, sich angesprochen fühlen und mit solchen Gefässen vertraut sind. Andere Perspektiven bleiben schnell draussen.
Bei «Küttigen2040» haben wir deshalb gemeinsam mit dem Gemeinderat bewusst überlegt: Wessen Perspektiven brauchen wir für diesen Prozess – und wie müssen die Gefässe aussehen, damit diese Menschen tatsächlich mitwirken können?
Entstanden sind unterschiedliche Formate für unterschiedliche Zielgruppen. Workshops mit Eltern, jungen Erwachsenen oder Schülerinnen und Schülern, Gespräche mit Fachpersonen, ein grosses öffentliches Forum und ein eigenes Gefäss für Gewerbe, Parteien und Kommissionen. Nicht alle mussten überall dabei sein. Und nicht jedes Format musste gleich aussehen.
So kamen Themen und Blickwinkel zusammen, die kaum in derselben Breite entstanden wären, hätten wir uns primär auf das klassische gemeindepolitisch interessierte Publikum abgestützt. Und noch etwas passierte. Menschen begegneten sich, diskutierten miteinander und entwickelten teilweise neue Lust, sich in ihrer Gemeinde einzubringen.
Partizipation muss zum Ort passen
Es gibt für solche Prozesse kein Schema, das sich über jede Gemeinde legen lässt. Wie viel Beteiligung ist sinnvoll? Welche Gruppen sollen gezielt angesprochen werden? Welche Formate funktionieren? Wie viel Kommunikation braucht es? Was kann die Verwaltung leisten? Wo liegen politische Zuständigkeiten? Und nicht zuletzt, welche personellen und finanziellen Ressourcen stehen überhaupt zur Verfügung?
Gute Prozessgestaltung bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst viel Partizipation zu produzieren. Sondern die richtige Form der Partizipation für die jeweilige Aufgabe und die jeweiligen Gegebenheiten zu finden. Entscheidend ist, von Anfang an zu klären, wozu Beteiligung stattfinden soll und was anschliessend mit den Ergebnissen geschieht.
Die Perle im Prozess war unsere Resonanzgruppe
Eine besondere Rolle im Prozess spielte die Resonanzgruppe. Eine Gruppe von Küttigerinnen und Küttigern begleitete den gesamten Prozess kritisch und unabhängig. Sie schaute mit uns auf die geplanten Formate, brachte die Perspektiven unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen auf die Methodik ein und überprüfte, ob die Beiträge aus den verschiedenen Gefässen korrekt in die Ergebnisse einflossen. Wichtig dabei: Die Resonanzgruppe entschied nicht über die Inhalte. Sie war vielmehr eine Art Qualitätssicherung für den Prozess.
Für uns als Projektleitung war sie Sparringspartnerin, kritisches Gegenüber und manchmal auch Realitätscheck. Gleichzeitig erhöhte sie aus meiner Sicht die Glaubwürdigkeit des Verfahrens. Nicht allein Gemeinderat, Verwaltung oder externe Projektleitung mussten versichern, dass die eingebrachten Stimmen ernst genommen werden.
Aus einem Projekt wird «Mit:Wirkung»
Küttigen hat inzwischen sein neues Leitbild: «Küttigen – gemeinsam innovativ und lebenswert.» Für uns endet damit ein intensiver Prozess. Gleichzeitig beginnt etwas Neues.
Das Projekt hat Aufmerksamkeit über Küttigen hinaus geweckt. Andere Gemeinden sind auf den Prozess aufmerksam geworden, erste neue Vorhaben sind in Vorbereitung. Und aus der Zusammenarbeit rund um solche Fragestellungen ist inzwischen das Netzwerk Mit:Wirkung entstanden.
Wir sind vier Personen mit unterschiedlichen fachlichen und beruflichen Hintergründen und begleiten Gemeinden und Organisationen in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen. Unsere Kompetenzen reichen von Prozessgestaltung und Organisationsentwicklung über Moderation und Partizipation bis hin zu Kommunikation. Was uns verbindet, ist die Überzeugung, dass tragfähige Lösungen mit Menschen statt für Menschen entstehen.
Das bedeutet nicht, dass immer alle über alles entscheiden müssen. Im Gegenteil. Gute Partizipation braucht klare Rollen, einen klaren Rahmen und Klarheit darüber, wo Mitwirkung möglich ist – und wo Entscheidungen gefällt werden müssen.
Aber dort, wo Wissen, Erfahrungen und Perspektiven unterschiedlicher Menschen für eine gute Lösung relevant sind, sollten wir Wege finden, sie einzubeziehen. Nicht nach Schema F. Sondern so, wie es zur Organisation, zu den Menschen, zum Ziel und zu den vorhandenen Ressourcen passt. Genau dabei unterstützten wir als Netzwerk Mit:Wirkung.





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