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WARUM EINE SCHEINBAR HARMLOSE FRAGE VEREINBARKEIT UNTERGRÄBT

Aktualisiert: vor 6 Tagen

«Und wo ist dein Kleiner, während dem du arbeitest?» Seit ich Mutter bin, begegnet mir diese Frage erschreckend oft. Selten bis nie ist sie blöse gemeint – I know. Trotzdem wirkt sie nach und zeigt, wie schnell Vereinbarkeit erklärungsbedürftig wird. Auch in der Begleitung von Organisationen, Führungskräften und Teams erlebe ich dieses Spannungsfeld: Strukturen sind geschaffen – und doch bewegen sich Betroffene zwischen Rechtfertigungsdruck und Selbstzweifeln, während die Führung zwischen Verständnis und betrieblichen Anforderungen abwägt. Ein wesentlicher Anteil daran liegt in der Kommunikation. Sie entscheidet – vielleicht mehr als Strukturen – ob Vereinbarkeit wirklich trägt.


Illustration erstellt mit künstlicher Intelligenz (ChatGPT)


Vereinbarkeit hat nicht alleine mit Organisation zu tun

Vereinbarkeit ist nicht nur eine Frage von Strukturen. Entscheidend dafür, ob sie gelingt, ist auch, wie sie sich im Alltag anfühlt. Selbst unter guten Rahmenbedingungen entsteht Belastung, wenn Menschen den Eindruck haben, sich erklären zu müssen oder nicht zu genügen. Rechtfertigungsdruck, Zweifel oder ein schlechtes Gewissen sind häufig die Folge.


Wo Kommunikation bewusst gestaltet wird, zeigt sich das Gegenteil: Menschen fühlen sich getragen, erleben Vertrauen und Klarheit und können Unterstützung annehmen, ohne Verantwortung abzugeben. Kommunikation prägt, welches Gefühl überwiegt – Rechtfertigung oder Selbstverständlichkeit, Zweifel oder Zutrauen. Genau hier liegt ein zentraler Hebel für gelingende Vereinbarkeit.


Was zwischen den Zeilen mitschwingt

Im Teamalltag zeigt sich Vereinbarkeit oft in kleinen Momenten: Sitzungen dauern länger als angekündigt, Teilzeit wird zur Hürde bei der Terminfindung oder Deadlines orientieren sich stillschweigend an Vollzeitlogiken. Entscheidend ist weniger die Situation selbst als der kommunikative Umgang damit:


Hinderlich: «Wir müssen heute überziehen – du bleibst doch noch kurz?»

Hilfreich: «Wir überziehen – passt das für alle oder brauchen wir eine andere Lösung?»


Hinderlich: «Die Sitzungen sind halt ein fixer Teil des Jobs.»

Hilfreich: «Schauen wir gemeinsam, welche Meetings wirklich nötig sind und wo wir effizienter werden können.»


Hinderlich: «Ich wollte dich nicht zusätzlich belasten, deshalb habe ich dich nicht angefragt.»

Hilfreich: «Ich möchte dich einbeziehen – sag mir gern, ob und wie es aktuell passt.»


Solche und weitere Nuancen machen den Unterschied. Kommunikation entscheidet, ob Menschen sich rechtfertigen müssen – oder selbstverständlich Teil eines funktionierenden Teams bleiben.


Kommunikation als gemeinsame Verantwortung

Hier können wir alle ansetzen – im Team, in der Führung, im Freundeskreis und darüber hinaus. Gute Kommunikation bedeutet:


  • nicht vorschnell Rollenbilder mitzudenken

  • Fragen zu stellen, die öffnen statt bewerten

  • Leistung sichtbar anzuerkennen

  • Unterstützung anzubieten, ohne zu bevormunden

  • gleichzeitig Erwartungen klar zu halten


Führungskräfte kommt dabei eine besondere Rolle zu: Sie prägen durch ihre Sprache, ob Mitarbeitende sich sicher fühlen oder rechtfertigen müssen. Doch auch Arbeitsgpändlis, Freunde, Familie, Netzwerke und das weitere Umfeld gestalten diese Kultur täglich mit.


Deswegen freut es mich, wenn mir künftig vermehrt diese statt jene Fragen gestellt werden:


Hinderlich: «Und wo ist dein Kleiner, während dem du arbeitest?»

Hilfreich: «Wie organisiert ihr euch als Familie?»


Damit die Erwerbsarbeit beider Elternteile als selbstverständlich anerkannt und die Organisation einer «Fremdbetreuung» als gemeinsame Realität angeschaut werden.


Hinderlich: «Und wie geht es deinem Kind in der Kita?»

Hilfreich: «Wie läuft es für euch als Familie gerade insgesamt?»


So werden keine Zweifel an der gewählten Betreuungsform transportiert, sondern Vertrauen in die getroffenen Entscheidungen signalisiert.


Hinderlich: «Wie viel Prozent arbeitest du denn?»

Hilfreich: «Wie hast du deine aktuelle Arbeitssituation für dich gestaltet?»


Damit das Pensum im Kontext von Elternschaft nicht bewertend oder erklärungsbedürftig wirkt.


Denn genau diese Unterschiede in der Sprache entscheiden mit, ob Vereinbarkeit erklärungsbedürftig bleibt – oder selbstverständlich gelebt werden kann.





 
 
 

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